Monthly Archives: December 2003

Von Obstsalat, Meteoriten und Krähenfüßen

Warum nur beschleicht mich immer so ein komisches Gefühl wenn ich mir einige Firmennamen, insbesondere von diversen s.g. Web- und Multimediaagenturen, anschaue? Viele Namen erinnern mich stark an das Gesülze der inzwischen zu Grabe getragenen dot.com-Ära. Besonders wenn diese irgendwelche Obstsorten enthalten und mit “Media” enden, kommen mir die wohlformulierten, völlig sinnfreien Sprüche von ganzheitlichen Synergieeffekten und ähnlichem Schwachfug in den Sinn, mit dem reihenweise die Leute über den Tisch gezogen wurden …

Wobei ich, um gleich irgendwelchen wütenden Beschimpfungen vorzubeugen, keine bestimmte Firma meine und ein Name natürlich nichts über die Qualität einer Firma aussagt.

Ähnlich merkwürdige Gefühle habe ich, wenn ich mir den aktuellen Run auf die 16 Lotto-Millionen betrachte. Was treibt die Menschen dazu zu glauben, sie könnten mit irgendwelchen obskuren Systemen, Glückszahlen usw. die Chancen, die im übrigen geringer sind als von einem Meteoriten getroffen zu werden, auf den Hauptgewinn im Lotto zu erhöhen? Aber wie sagt man so schön; die Hoffnung stirbt als letztes.

Und dann sind da noch die Leute, die anderen Menschen vorwerfen, jedes nur mögliche Klischee zu bedienen und zu leben, selbst aber nicht besser sind.

Tja, und dann musste ich heute, nachdem ich die Photos vom gestrigen Photoshooting für unsere Firmenwebsite gesehen habe, feststellen, dass ich grau werde und ganz gewaltige Augenringe und Krähenfüße im Gesicht habe. Die Kamera ist einfach gnadenlos, da hilft nur noch der intensive Einsatz von Photoshop. Nun ja, eines tröstet mich. Männer werden ja angeblich durch graue Haare und Falten attraktiver 😉



Ausverkauf der deutschen Demokratie ?

Bei näherer Betrachtung muss ich mich schon fragen, was von den Idealen, insbesondere der deutschen Demokratie, aber auch jeder anderen Demokratie, angesichts der aktuellen politischen Umtriebe, in der Realität übrigbleibt?

Oft genug werden diese inzwischen auf dem Altar des goldenen Wirtschaftskalbes und der Realpolitik geopfert. Selbst wenn man diese Entwicklung durch eine etwas realistischere Brille betrachtet, als dies viele Angehörige der Betroffenheits- und Weltverbesserungsmafia tun, muss einem langsam das Grausen kommen. Natürlich ist es für eine Industrienation wichtig neue Märkte zu erschließen. Das dies auch manchmal nach dem Prinzip “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” abläuft und dabei auch etwas andere Maßstäbe an “undemokratische” Nationen angelegt werden, ist zwar schlimm, aber bis zu einem gewissen Grad notwendig und geschieht auch nicht erst seit kurzem. Dies hat es schon immer gegeben. Letztlich profitieren wir ja alle auch davon. Insofern muss man sich eine Kritik an der Globalisierung und dem Kapitalismus sehr genau überlegen und darf dabei die Realität nicht aus den Augen verlieren.

Was jedoch in der letzten Zeit abläuft sprengt jeden Rahmen. Da werden auf der einen Seite demokratische Reformen und die Einhaltung der Menschenrechte gefordert (HEISE – “Justizministerin fordert Ende der Verfolgung chinesischer Internet-Dissidenten”), auf der anderen Seite gibt man diesen Nationen genau die Mittel an die Hand, die eben zur Unterdrückung benutzt werden können (YAHOO – “Bundesregierung verteidigt Zustimmung zu Aufhebung von Waffenembargo”). Aber solch ein Vorgehen hat ja nicht erst seit dem Irakkrieg Tradition. Der Unterschied ist nur der, dass sich besonders die Bundesrepublik bisher, Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel, weitestgehend von solchen Machenschaften ferngehalten hat. Dies scheint sich jetzt zu ändern, nachdem unsere Bunte Republik sich am großen Kreuzzug gehen das Böse in der Welt beteiligt. Plötzlich wittern deutsche Politiker und die Bosse der Industrie Morgenluft und tun alles um eine Eintrittskarte in den exklusiven Club der Kreuzzügler zu bekommen. Warum Club der Kreuzzügler? Vergleicht man die Motivation und die politischen Hintergründe der Kreuzzüge des Mittelalters, so sehe zumindest ich keine großen Unterschied zum aktuellen Kreuzzug gegen das Böse. War es im Mittelalter der Kampf um und für den christlichen Glauben und die Vernichtung der Ungläubigen, wobei dies ja jede der Parteien für sich in Anspruch genommen hat, so ist es heute die Verteidigung der Freiheit und Demokratie. Letztlich jedoch dienten und dienen diese Parolen heute wie damals nur der Verschleierung der eigentlichen Ziele. Es geht nur um Macht, Einfluss und Kontrolle der langsam immer knapper werdenden Ressourcen. Zogen die Kreuzzügler des Mittelalters noch mordend und plündernd durch das Heilige Land, so geschieht dies heute sehr viel subtiler und politisch “korrekter”. Der Irak-Krieg ist dabei eher als Ausrutscher zu betrachten. Die Rüstung der Raubritter der Neuzeit hat sich vom Kettenpanzerhemd und Schwert hin zum Nadelstreifenanzug und Scheckbuch gewandelt. Am Ende des Tages ist das Ergebnis jedoch das gleiche.

Wo wird dies enden? Ist dies der Beginn einer neuen Kolonialpolitik der westlichen Industrienationen? Ist z.B. der Irak der erste Sattelitenstaat des neuen Kolonialreiches? Wird Deutschland bzw. Europa zum 51. Bundesstaat der USA? Betrachtet man die Umtriebe unseres Bundesüberwachungsministers und anderer europäischer Staaten, so ergeben sich ja heute schon merkwürdige Gemeinsamkeiten mit der US-Amerikanischer Politik. Somit wäre eine Eingliederung ins Reich der Guten, Gerechten und von Gott berufenen relativ problemlos. Man möge mir diese Polemik verzeihen, aber inzwischen kann ich nicht mehr anders, wenn es um dieses Thema geht.

Auch sei hier nochmals betont, dass ich die Politik und Gewalt der islamischen Gotteskrieger ebenfalls verabscheue. Was das Vorgehen westlicher Nationen aber mindestens ebenso schlimm und verwerflich macht, ist, dass es sich in Motivation und Ergebnis nicht wirklich von dem der radikalen Islamischen Kräfte unterscheidet.

Und wenn wir schon von Demokratie reden, müssen wir uns fragen, ob sich unsere Werte, seien es politische oder moralische, wirklich auf alle Länder und Gesellschaften buchstabengetreu anwenden lassen?